Filmkritik: The Danish Girl

Eddie Redmayne – das hübsche Mädchen

Mit THE DANISH GIRL erleben wir eine Buchverfilmung der besonderen Art, die bereits für die Oscars hoch gehandelt wird. Ist der Hype berechtigt?


Quelle Trailer: Universal Pictures Germany

Handlung:

Einar Wegener und seine Frau Gerda sind dänische Maler mit unterschiedlichem Erfolg. Während Einar bejubelt wird, hält sich Gerda mit Portraitmalerei über Wasser. Als eines ihrer Models nicht auftaucht, bittet sie Einar ihr im Kleid Modell zu stehen. Dieser Moment weckt in ihrem Mann längst vergessene Gefühle. Er beginnt seine Auftritte als Frau immer mehr zu genießen. Beider Leben und Beziehung wird auf die Probe gestellt.

Kritik:

THE DANISH GIRL ist ein emotionaler Film, der durch die Tatsache, dass er auf wahren Begebenheiten (den Tagebüchern von Lili Elbe) basiert, noch mehr ergreift. Wenngleich an einigen Stellen das Gefühl aufkommt, dass sich die Filmemacher gern einigen Klischees bedient haben statt noch tiefer in die Gefühls- und Gedankenwelt von Lili abzutauchen.

Durchaus kann es für so manchen etwas plötzlich erscheinen, wie schnell die Gefühle von Lili an die Oberfläche von Einar gelangen, nachdem er nur einmal ein Kleid anlegte. Obwohl die Aufklärung mit Erlebnissen in der Vergangenheit später kommt, erfahren wir diese doch an relativ später Stelle, während gleichzeitig die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Einars früherem besten Freund Hans etwas oberflächlich bleibt.

Auch Einars Bewegungen und Gebärden als Lili wirken manchmal etwas aufgesetzt. Anscheinend reicht eine Handbewegung und das Berühren der eigenen Wange aus, um vollends als Frau durchzugehen. Da hätten wir uns doch etwas mehr schauspielerisches Geschick gewünscht. Eddie Redmayne weiß mich auch nicht vollends zu überzeugen und bestätigt mir erneut, dass er etwas überschätzt wird. Er macht seine Sache gut (und sieht in diesem Film als Frau auch echt hübsch aus) – doch bekomme ich das Gefühl, dass er in seinen Rollenauswahl nur selten aus seiner Comfort Zone ausbricht. Zugegeben, es mag auf den ersten Blick gewagt und vielfältig erscheinen, einen genialen Wissenschaftler unserer Zeit, einen kranken Sci-Fi-Bösewicht und jetzt einen Transgender zu spielen – doch blickt man tiefer sind dies immer zerbrechliche Figuren. Zudem spricht er in jeder Rolle in dieser leisen, fast nuschelnden Fistelstimme (daher diesmal der Rat, schaut euch die deutsche Fassung an – da versteht man mehr) – die einem das Folgen des Dialogs echt schwer macht.

Obwohl das alles vielleicht sehr negativ klingt, möchte ich seine Leistung nicht herabsetzen. Die Gefühle werden dennoch transportiert und der innere Konflikt bzw. die Zerissenheit ist erkennbar. Was Lili oder Redmaynes Darstellung am interessantesten macht, ist die Tatsache, dass der Zuschauer nicht immer auf ihrer Seite ist. Denn Alicia Vikander ist überraschend sympathisch in der Rolle der verständnisvollen aber auch gebrochenen Frau. Sie schafft es nie ganz, Lili den Rücken zu kehren und unterstützt sie immer wieder. Sodass ich am Ende sogar einfach nur noch hoffen konnte, dass sie Lili verlässt, damit beide Frauen ihr Glück finden können. Die Besetzung des Hans mit dem großen, breitschultrigen Matthias Schoenaerts (nein, kein Deutscher – ein Belgier) ist in meinen Augen ein gelungener Kontrast zu zerbrechlichen, schmalen Statur von Einar/Lili.

Fazit:

THE DANISH GIRL ist ein gelungener Auftakt in das neue Kinojahr und weckt viele Emotionen. Kleine Oberflächlichkeiten hier und da, kosten ein paar Punkte auf der Couchpotato-Skala.

07 von 10 Couchpotatoes. Die Couchpotato ist das Maskottchen, eine Comic-Kartoffel.
[atari]

Advertisements

2 Gedanken zu “Filmkritik: The Danish Girl

  1. Ich stimme euch bei einigen Sachen absolut zu, besonders was Eddie Redmaynes schauspielerische Leistung angeht, aber in einem Punkt muss ich widersprechen: Lilis Entdecken und Hinterfragen ist alles andere als oberflächlich.

    Ihre Dysphorie äußert sich vielseitig: Durch Kleidung, Gesten, Sex, und auch körperliche Dysphorie. Man denke an die Spiegel-Szene. Ich habe es keinesfalls so verstanden, dass Lili nach Anlegen des Kleides 100% weiß, dass sie trans ist. Es ist hier vielmehr ein erstes Hinterfragen und Aufkommen an Gefühlen. Der Mittelteil des Filmes setzt sich dann genauer mit ihrer Dysphorie auseinander. Sie erträgt den Anblick und das Gefühl ihrer Genitalien und des flachen Oberkörpers nicht mehr, fühlt sich in femininen Posen und Kleidung wohler, und reagiert freudig, wenn sie von anderen als Frau behandelt wird (z.B. ihre Mitarbeiterinnen in der Parfümerie oder der fremde Mann, der auf der Straße den Hut zieht).

    Die Szene, in der Lili mit dem Kleid posiert, habe ich auch anders verstanden, als „nur mal eben ein Kleid anprobieren“. Ja, es geht hier um das Kleid und die Strumpfhose, aber nicht um die Kleidungsstücke. Es geht darum, wie es ihren Körper erscheinen lässt. Das Thema der Femininität zieht sich durch den gesamten Film. Das zeigt sich meiner Meinung nach stark im hellen, pastelligen Farbschema und auch in der Gestik Lilis, die ihr ja auch kritisiert habt. Auch hier geht es nicht einfach nur um einen Finger an der Wange oder darum, die Beine übereinander zu schlagen. Es geht um Femininität. Lili will nichts mehr, als dass ihr Äußeres ihr Inneres reflektiert, sie will auch ‚äußerlich‘ eine ‚richtige‘ Frau sein. Und die Handhaltung oder Beinstellung hat auch damit zu tun. Das äußert sich das erste Mal in der Modell-Szene und wird nochmal ganz stark in wundervollen Szene mit der Prostituierten/Stripperin deutlich.

    Ich verstehe auch euer Problem damit nicht, dass sich Lilis Gefühle zuerst unterbewusst äußern und erst später stärker werden. Das erscheint mir zumindest wahrscheinlicher, als direkt von Anfang an Szenen wie die mit dem Spiegel oder der Stripperin zu zeigen. Diese Steigerung erzeugt außerdem Spannung.

    Und zum Schluss muss man auch einfach mal sagen, dass es nicht immer einen riesen-großen, weltbewegenden Moment gibt, um seine geschlechtliche Identität zu hinterfragen. Ich kann das nicht absolut bezeugen, da ich selbst nicht trans bin, aber ich kann zumindest von der Erfahrung mit meiner Sexualität sprechen. Das erste Mal, dass bei mir der Gedanke aufkam, dass ich nicht heterosexuell bin…nun, der kam einfach so. Es gab keinen klischeehaften, ich-bin-in-meine-beste-Freundin-verliebt Moment. Der Gedanke war einfach da. Und dann habe ich angefangen das ganze zu Hinterfragen und mir Gedanken zu machen, was sich dann ebenfalls immer weiter gesteigert hat und stärker wurde…
    Wenn ich mittlerweile auf meine Kindheit und frühen Teenager-Jahre zurückblicke, ist mir klar, dass ich schon immer mehr auf Mädels als auf Jungs stand. Ich weiß wie gesagt nicht, wie ähnlich sich sexuelle und geschlechtliche Identität in dieser Hinsicht sind, aber zumindest habe ich von Freunden, die trans sind, ähnliches gehört: Dass sie es eigentlich schon immer gewusst haben.

    Das ganze hier ist natürlich nur meine Meinung und mein Blickwinkel auf die Geschichte und Situation. Wenn es um Story-Telling geht, finde ich die Entwicklung absolut passend. Ich habe keine Ahnung, was ihr in dem Film lieber gesehen hättet, um Lilis Dysphorie deutlich zu machen, vielleicht wäre es gut, hier auch genaue Verbesserungsvorschläge anzubringen.
    Was Lilis Gefühle selbst angeht, bekommt man beim Lesen der Kritik den Eindruck, dass ihr euch vorher noch nicht viel mit der Gender-Thematik auseinander gesetzt habt. Bevor ihr die Äußerungen und Gefühle dieser Figur kritisiert, solltet ihr euch entweder etwas mehr mit dem Thema beschäftigen oder (wenn ihr das vielleicht auch schon gemacht habt), daran denken, dass Menschen unterschiedliche Empfindungen haben und Erfahrungen machen und nicht jeder auf gleiche Art und Weise Hinterfragungen anstellt.

    P.S.: „Transgender“ ist ein Adjektiv, „Trans-Frau“ währe hier ein besserer Begriff. Außerdem mit den Pronomen aufpassen! Lili Elbe war eine Frau, also benennt sie bitte auch mit „sie“ und nicht „er“, wenn ihr über sie schreibt 😉

    Gefällt mir

    • Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

      Falls unsere Kritik in einigen Äußerungen Menschen verletzt haben sollte, war das sicher nicht unsere Absicht. Wie du es richtig bemerkt hast, haben wir uns selbst sicher nicht so intensiv mit der Thematik auseinander gesetzt wie manch anderer, aber ich denke vielen Zuschauern geht das so. Häufig wird Kino ja nun für die Masse gemacht (ich sag nicht, dass das gut ist), die sicher nicht immer eine richtige Vorstellung von jedem Thema hat – da sollte man als Filmemacher eventuell im Hinterkopf behalten, dass nicht jeder in einer Geste so viel sieht wie du z.B.
      Ich finde es toll,dass du in Lilis Gesten mehr entdecken konntest als ich – dann war ich in diesem Fall wohl nicht aufmerksam genug.

      Eines möchte ich noch kurz betonen – du hast es selbst angesprochen. Jeder hat seine Meinung. Diese Kritik gibt wieder, wie ich mich beim Anschauen gefühlt habe. Keiner muss damit einverstanden sein und vor allem sollte bitte niemand unsere Worte persönlich nehmen.

      Und noch kurz – von „er“ habe ich nur gesprochen, wenn ich mich auf Szenen von Einar oder auf Eddie Redmayne als Schauspieler bezogen habe. Sobald ich von Lili gesprochen habe, habe ich sie natürlich als „sie“ bezeichnet.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s