Filmkritik: Boyhood

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12 Years a Boy

Ein mit Spannung erwartetes außergewöhnliches Projekt, jahrelanges Werkeln an einem Film, ungeahnte Hürden und eine,  seien wir ehrlich, alltägliche Story ergeben eine Coming-of-Age-Geschichte, die trotz aller Normalität aus dem Einheitsbrei hervorsticht.

Handlung:

Mason (Ellar Coltrane) ist sechs Jahre alt, liebt Videospiele und Dragon Ball Z und plagt sich mit seiner älteren Schwester Samantha herum. Die alleinerziehende Mutter (Patricia Arquette) packt ihre beiden Kids und zieht mit ihnen nach Texas, um dort aufs College zu gehen.  In den darauffolgenden Jahren müssen Mason und Samantha (Lorelei Linklater; übrigens die Tochter des Regisseurs) mit verschiedenen Ersatzpapas und mit den chaotischen Problemen des Erwachsenwerdens zurechtkommen. Die eine wacklige Konstante im Leben der Geschwister ist der coole Musiker-Vater (Ethan Hawke), den sie regelmäßig an den Wochenenden sehen.

Kritik:

Regisseur und Drehbuchautor Richard Linklater hatte die Idee, einen Film über die verschiedenen Etappen der Jugend zu drehen, ohne in den verschiedenen Alterssequenzen unterschiedliche Schauspieler zu einzusetzen. So entstand das außergewöhnliche Filmprojekt, in dem die Schauspieler über eine Zeitspanne von zwölf Jahren in kurzen Episoden begleitet werden und etwas darstellen, was gleichermaßen gewöhnlich wie auch faszinierend ist: die Geschichte des Heranwachsens.

Die Story ist eine turbulente Mischung aus Ehekrisen, Geschwister-Streitereien, Freundschaft, erster Liebe, Fan-sein, Ferien, Schule, Selbstfindung, Freude und Leid – eben genau das, was das Leben ausmacht. Und obwohl oder gerade weil man das Gesehene genau zu kennen scheint, kommt keine Langeweile auf. Im Grunde gibt es keine echte Spannung im Film, keine krassen Wendungen oder Überraschungsmomente. Stattdessen beweist das Drama, dass ein dahinplätscherndes Leben kann dennoch interessant und unterhaltsam sein kann. Wir begleiten Mason bis zu seinem Gang aufs College, als er 18 Jahre alt ist und ich hätte den Jungen noch 20 weitere Jahre begleiten wollen.

Besonders spannend und witzig sind die Dialoge, die über zukünftige Ereignisse spekulieren, wie zum Beispiel einen möglichen siebenten Star Wars Film oder die Auswirkungen von facebook und Co. auf soziale Interaktion, wenn man bedenkt, dass die Gespräche nicht retroperspektiv sind, sondern vor mehreren Jahren so stattgefunden haben. Auch der Einsatz von für das Jahr jeweils typischen Popkultur-Charakteristika macht einfach Spaß: Der Soundtrack, Spiel-Konsolen, Fortbewegungsmittel und Kleidungsstile geben ein authentisches Bild wider, wie es kein Film, der Vergangenes zeigt, vermag.

Wir begleiten die Protagonisten durch alle Höhen und Tiefen in liebevoller detailtreue und auf eine gleichzeitig lustige, aufwühlende und auch deprimierende Weise. Lustig, weil Familiensituationen und Kindermund so authentisch und realistisch wirken; aufwühlend, weil man das Gefühl hat, das Beste aus seinem Leben herauszuholen zu müssen, es besser zu nutzen und deprimierend, weil einem schmerzlich bewusst wird, wie vergänglich jeder Moment ist, wie schnell die Zeit voranschreitet, wie man sich verändert, dass mit dem Älterwerden mehr Zweifel kommen und man immer einsamer wird. Und obwohl der Film ein tendenziell negatives Bild auf Väter wirft – sie sind überwiegend zerstreute, verantwortungslose, zu Alkohol und Gewalt neigende Gesellen – bleibt die Quintessenz, dass Familie und Zusammenhalt das wichtigste ist.

Übrigens hat sich in den zwölf Jahren Drehzeit technisch sehr viel getan, was die Produktion teilweise erschwerte, da ein qualitativ durchgehend gleiches Bild gezeigt werden sollte. Damit wurde der gesamte Prozess auch produktionstechnisch zu einer besonderen Herausforderung.

Nice to know: Der Film ist nicht das erste Projekt dieser Art. Die Langzeit-Dokumentation „Die Kinder von Golzow“ begleitete eine Schulklasse über 40 (!) Jahre regelmäßig mit der Kamera.

Fazit:

„Boyhood“ ist ein Film übers Erwachsenwerden, Erwachsensein und die Probleme von beiden. Die Story wäre wahrscheinlich auch mit wechselnden Schauspielern in verschiedenen Altersabschnitten gut gewesen, aber dass man die alternden Charaktere anhand derselben Darsteller begleitet, gibt der Geschichte das gewisse Extra und macht sie zu etwas besonderem. Manch einem mag dieser Fakt des Langzeitdrehs jedoch nicht reichen und dann könnte ein positives Urteil an der vorhersehbaren und steigerungsarmen Story scheitern.

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[reibeisen]

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2 Gedanken zu “Filmkritik: Boyhood

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