Filmkritik: Die Bücherdiebin

Literaturverfilmungen überschwemmen seit Jahren die Kinos, doch 2014 scheint dem eins drauf zu setzen. Nicht immer können Buchadaptionen die Kinowelt begeistern, gerade bei Filmen wie Divergent – Die Bestimmung und „Vampire Academy“ scheinen sich die Geister zu scheiden und es ist unklar, ob hier wirklich eine Verfilmung notwendig war. Doch dann gibt es diese stillen bewegenden Bücher, wie „The fault in our stars“ (Kinostart: 12.6.2014) und „A long way down“ (Kinostart: 3.4.2014), die dank eines Filmes mehr Beachtung bekommen und mit einem anderen Medium zahlreiche Menschen begeistern werden. Zur letzten Kategorie zählt auch „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak (2005).

Quelle Trailer: FoxKino

Inhalt
Die Familie Meminger wird schon vor dem zweiten Weltkrieg auseinander gerissen: Weltanschauung und Tod trennen die neunjährige Liesel (Sophie Nélisse) von ihrer Mutter (Heike Makatsch) und ihrem geliebten Bruder. Liesel wird in München von ihrer neuen Pflegemutter  Rosa Hubermann (Emily Watson) eher grob willkommen geheißen, nur Hans (Geoffrey Rush) – ihr Pflegevater – scheint an dem zuerst schüchternem Mädchen einen Narren gefressen zu haben und bringt ihr nach und nach das Lesen bei. Als die Hubermanns den schwerkranken Juden Max verstecken, darf Liesel nicht einmal ihrem besten Freund Rudi davon erzählen und flüchtet sich in die Welt der Bücher, die ihr geistigen Schutz vor Krieg, Bombardierung und Deportation liefern. Als ihr der Buchnachschub ausgeht, stielt sie Bücher und entreißt sogar der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten einen Roman aus dem Feuer.

Kritik
Filme und Bücher über die Schrecken des Nationalsozialismus gab es wahrlich ausreichend, doch Regisseur Brian Percival (Regisseur der britischen TV Serie „Downtown Abbey“) schafft einen emotionalen Film, der jeden Buchliebhaber bis tief in die Seele berührt.

Das amerikanisch-deutsche Filmdrama beginnt mit der Off-Stimme des Todes und erzählt von der ersten Begegnung zwischen ihm und der jungen Liesel im Jahr 1938. Schon damals hat das Mädchen den Tod tief berührt und ungewollt seine Aufmerksamkeit erhascht. Der eher ruhige Beginn, der mit Tod und Verlust behaftet ist, geht dem Zuschauer tief unter die Haut, denn er macht deutlich: Niemand lebt ewig – wir alle müssen sterben.

Auch wenn die Geschichte scheinbar ohne erkennbaren roten Faden dahinplätschert, werden die Filmszenen niemals langweilig. Grund dafür sind einerseits die vielschichtigen Charaktere, die von allen beteiligten Schauspielern authentisch dargestellt wurden. Liesel blüht von einem stillen Mädchen, das nicht lesen kann, zu einer bemerkenswerten jungen Frau auf. Begleitet wird sie durch den sympathischen Stiefvater Hans, der sie fortwährend zum Lesen animiert und mit seinem Spiel auf dem Akkordeon als ein glühendes Licht in der Dunkelheit des Krieges fungiert. Geoffrey Rush spielt dabei mit so viel Wärme und Liebe, dass man dahinter gar keine Schauspielerei, sondern echte Gefühle erwartet. Die eher mürrische Stiefmutter Rosa nennt Liesel „Saumensch“ und scheint fortwährend an dem Mädchen mit den Zöpfen meckern zu wollen, doch tief in ihrem Innern versteckt sie eine warmherzige Seele, die viel Liebe für ihre Mitmenschen aufbringt.
Nachdem sich die Charaktere entwickelt und verändert haben, spitzt sich auch die Handlung des Filmes fortwährend zu und der Schrecken des Krieges scheint unausweichlich.
Liesel flüchtet sich derweil in die schützende Welt der Bücher, bringt ihren bangenden Mitmenschen in den Luftschutzbunkern ihre Hoffnung zurück und schafft es sogar mit dem Vorlesen den Tod auszutricksen. Jedem Buchliebhaber wird hier das Herz erweichen, denn selten wurde in einem Film so deutlich gemacht, welche Kraft Wörter und Geschichten für uns Menschen haben.

Der Film spielt stets mit den Gefühlen der Zuschauer. In einer Szene sieht man die Hitlerjugend ein nationalsozialistisches Lied singen, welches mit Kindergesang in der folgenden Szene in die schreckensreiche Reichsprogromnacht übergeht. Gerade weil die Gewalt hinter der Musik versteckt wird, scheinen die Szenen umso brutaler und mitreißender.
Die Filmemacher haben sich sehr viel Mühe gegeben, den Film nicht zu überspitzen, sondern mit scheinbar authentischen Szenen an einer der schattenreichsten Zeiten Deutschlands zu erinnern. Spezialeffekte sind nicht von Nöten, denn ein brennender Berg von Büchern und das Zerreißen von Familien durch Deportation schaffen mehr Emotionen, als jede Explosion es je erreichen könnte. Wer hier noch mit trockenem Auge den Kinosaal verlässt, hat auch beim Tod von Bambis Mutter und Simbas Vater nicht geweint.

Ein kleines Manko ist meiner Ansicht nach die FSK von 6 Jahren. Auch wenn jeder selbst entscheiden kann, ob man den Film sieht oder nicht, sollte man diesen tiefbewegenden, emotionalen und authentischen Film nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn dieser Film verherrlicht diese Zeit nicht und die anfänglichen Worte des Todes werden gegen Ende immer deutlicher: Niemand lebt ewig – wir alle müssen sterben. Auch wenn man vielleicht nicht allzu viel Blut und derlei körperliche Gewalt sieht, so hat die emotionale Betroffenheit eine viel höhere Tragweite und sollte vor dem Ansehen mit Kindern stets bedacht werden.

Fazit
Auch wenn man sonst Kriegsfilme ablehnt, sollte jeder diesen Film gesehen haben, denn er verbindet die Leidenschaft zum Lesen, die Kraft der Wörter, Liebe, Freundschaft und die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten auf eine unbeschreibliche Weise. Trotz traurigen Szenen gibt „Die Bücherdiebin“ dem Zuschauer Hoffnung und viele Ansätze zum nachdenken.

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Ingrid von lebens[leseliebe]lust

 

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