Filmkritik: Alpha Dog – Tödliche Freundschaft

Schlafende Hunde soll man nicht wecken

Handlung:

Johnny Truelove (Emilie Hirsch) ist Anführer einer Gang und hat sich als Drogendealer in seiner kalifornischen Heimatstadt einen Namen gemacht. Er ist gerademal Anfang 20, wohnt aber dank seiner Marijuana-Geschäfte in einem beeindruckenden Anwesen und genießt ein großspuriges Leben. Als Jake Mazursky (Ben Foster) ihm aufgrund eines missglückten Deals 1200 US Dollar schuldet, greift Johnny zu einem besonders bedenklichen Druckmittel. In einer Kurzschlussreaktion entführen er und weitere Gangmitglieder Zack, den 15-jährigen Bruder von Jake. Johnny erkundigt sich kurz darauf bei seinem Anwalt, welche Strafen bei Kidnapping zu erwarten sind. Als ihm die Schwere der Tat bewusst wird, beschließt er in Panik, dass die Gang den entführten Zack unmöglich einfach wieder nach Hause gehen lassen kann.

Kritik:

Ein Alphahund ist ein dominanter Anführer, allgemein ausgedrückt ein ‚Rudelchef‘. Johnny Truelove bewährt sich in diesem Posten und hat seine Gangmitglieder fest im Griff. Sie erledigen für ihn Drecksarbeiten, machen Besorgungen und liefern ihm das tägliche Unterhaltungsprogramm. Im Gegenzug dürfen sie in den Genuss kommen, sich einer berüchtigten Bande zugehörig zu fühlen und an Johnnys ausschweifenden Partys teilzunehmen. Das alles klingt erst mal nach guter Unterhaltung, doch die servierte Suppe hat einen bitteren Beigeschmack, denn die Story ist echt. Regisseur Nick Cassavetes hat die wahren Begebenheiten rund um Drogendealer Jesse James Hollywood aufbereitet und die tragischen Ereignisse von ein paar sonnigen Tagen im August 2000 in einen beklemmenden Film umgesetzt. Wer die Tat bislang nicht kannte, wird vor allem die zweite Filmhälfte fassungslos mitansehen. Und diejenigen, die eingeweiht sind, verfolgen die Geschehnisse dennoch mit bangem Hoffen auf einen anderen Ausgang. Nick Cassavetes bewies seine Begabung für feinfühlige und emotionale Themen bereits in Filmen wie „Wie ein einziger Tag“ (2004) und „Beim Leben meiner Schwester“ (2009). Auch in „Alpha Dog“ ist es ihm bestmöglich gelungen, den Zuschauer in Partyszenen und bedrückenden Momenten gleichermaßen zu fesseln.

Das Intro, eine Aneinanderreihung von Kindheitsvideoaufnahmen einiger Darsteller, unterlegt mit sentimentaler Musik, lässt Einen im Unklaren über den Film. Es wird direkt eine unheilvolle Stimmung vermittelt, was die wiederkehrenden Interviewausschnitte, unter anderem von Johnnys Vater (Bruce Willis) und Zacks Mutter (Sharon Stone), noch bestärken. Durch die anschauliche Darstellung des unbekümmerten Bandenlebens vergisst man den sentimentalen Beginn jedoch schnell, was beispielhaft für das Gefühlsauf und -ab beim weiteren Anschauen ist.

Außerordentlich anerkennend an dem Film ist die Eigenschaft, Spannungsaufbau zum Teil gänzlich ohne Musik voranzutreiben. Besonders hitzige Momente steigern die emotionale Erregung der Zuschauer einzig durch Bildkraft und erdrückende Geräuschlosigkeit. Bemerkenswert ist auch der krasse Kontrast zwischen feiernden Jugendlichen und dem ernsten Hintergrundthema. Als Zuschauer switcht man ständig zwischen den Emotionen hin und her, vergisst zwischendurch dass es kein Partyfilm ist und sieht sich dann wieder mit den unfassbaren Gang-Entscheidungen konfrontiert. Es ist einer dieser Filme, in denen man beginnt, den Protagonisten energisch zuzurufen und sie am liebsten schütteln, wegreißen oder retten will. Dabei weiß man die ganze Zeit, dass sich das Unvermeidliche nicht aufhalten lässt.

Popsternchen Justin Timberlake hat als Gangmitglied Frankie eine solide Performance abgeliefert und wurde dafür mit vielen positiven Kritiken belohnt. Den Zwiespalt zwischen Moral und Befehlsausführung bringt er glaubhaft rüber. Emilie Hirsch überzeugt als übermütiger und verantwortungsloser Gangchef Johnny, beeindruckt aber nicht so sehr wie in seinem Durchbruchfilm „Into the Wild“ (2007). Besonders hervorzuheben ist jedoch Ben Foster. Seine schauspielerische Leistung als aggressiver, ungezähmter Jake, dem älteren Bruder des entführten Zack, ist großartig. Foster beweist mal wieder seine Fähigkeit, sich in unterschiedlichste Charaktere intensiv einzuarbeiten und diese verblüffend authentisch rüberzubringen. In weiteren Rollen agieren Shawn Hatosy (11:14, 2003), Olivia Wilde, Amber Heard und vor allem Anton Yelchin (Charlie Bartlett, 2007; Star Trek Into Darkness, 2013) als Entführungsopfer Zack.

Kritisch anzumerken ist, dass der Hauptkonflikt zwischen Johnny Truelove und Jake Mazursky im Laufe des Films immer mehr an Bedeutung verliert, bis er im letzten Drittel fast völlig in den Hintergrund gerückt ist. Generell beschleunigen sich zum Ende hin die Ereignisse so sehr, dass der Fokus nur noch eindimensional auf das Finale zusteuert und Nebenhandlungen am Rand auslaufen lässt. Dadurch bleiben einige Fragen offen.

Manch einen mag der Filmtitel mit dem abgedroschenen deutschen Zusatz „Tödliche Freundschaft“ oder – aufgrund unbegründeter Vorurteile – Justin Timberlake auf der Darstellerliste abschrecken. Denjenigen sei gesagt: euch entgeht ein wirklich sehenswerter Streifen!

Fazit:

„Alpha Dog“ ist kein spaßiger Partyfilm, sondern eine bedrückende fiktionale Darstellung einer wahren Begebenheit, die sprachlos macht. Dem Produktionsteam ist es gelungen, ein spannendes Drama zu erschaffen, das gleichermaßen unterhält und zum Nachdenken anregt. Diesen Film vergisst man nicht!

Ich vergebe 8/10 Couchpotatoes.

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[reibeisen]

Quelle Trailer: mxcsv

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