Filmkritik: The Congress

Die Animation des Lebens

Was wäre wenn man von deinem Körper eine digitale Kopie machen würde? Was wäre wenn man dein Abbild frei verwenden würde, ohne dich zu fragen? Was wäre wenn die Realität zur Animation werden würde, in der alles möglich ist? Wie eine solche Welt aussehen könnte, zeigt uns Ari Folman in seinem neuen Film „The Congress“.

Handlung:

Schauspielerin Robin Wright („Forrest Gump“), die sich hier selbst spielt, feierte früher große Erfolge. Doch durch Ablehnen einiger Jobs ist ihre Glanzzeit nun vorbei. Ihr Filmstudio Miramount will jedoch weiterhin Geld mit ihr verdienen und bietet ihr einen ganz besonderen Deal an. Ihr Körper, ihr Gesicht, ihre Mimik, ihre Emotionen sollen gescannt werden – es soll eine digitale Kopie von ihr entstehen. Dieser Avatar wird die neue und einzige Robin Wright. Ihr digitales Abbild wird komplett dem Studio gehören und nach deren Zwecken eingesetzt. Robin muss dafür auf ihre Schauspielerei verzichten und darf sich nicht mehr öffentlich zeigen. Trotz vieler moralischer Bedenken geht sie diesen Deal ein und verkauft sich für zwanzig Jahre an Miramount. So kann sie mit ihrer Tochter und ihrem kranken Sohn in Ruhe auf ihrem Flughafengelände leben.

Kritik:

So leitet Ari Folman sein Kritik-Konzert ein. Er führt uns in eine Welt der Filmgesellschaft, die nur auf Geld aus ist. Der Mensch zählt nicht. Obwohl die hier erschaffene Vision doch eher futuristisch wirkt, erscheint sie nachvollziehbar. Bereits jetzt schleicht sich die digitale Kunst immer mehr in das Filmgeschäft ein. Wer könnte sich da nicht vorstellen, dass Schauspieler irgendwann überflüssig werden? Doch damit nicht genug. Ari Folman gibt sich nicht damit zufrieden nur seine eigene Branche in den Blick zu nehmen. Es folgt ein Feuerwerk an Kritik und Anspielungen. Dabei bleibt Folman seinem Stil aus „Waltz with Bashir“ treu und wechselt nach einem Realfilm-Anfang doch noch über in eine bunte animierte Welt.

Es sind 20 Jahre vergangen und Robin Wrights Vertrag über ihre digitale Kopie soll nun verlängert werden. Hierfür reist sie nach Abrahama, eine vollkommen animierte Zone. Sie soll als glorreiches Beispiel für die Entwicklung des Scanning und die Zukunft, nicht nur der Filmbranche sondern der ganzen Gesellschaft, dienen. Durch chemische Substanzen soll es den Menschen ermöglicht werden ihre Träume und Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen. Miramount und Reeve Bobs haben hierfür ein besonderes Mittel entwickelt. Jeder hat nun die Möglichkeit so auszusehen, wie er will und in einer Welt zu leben, die er sich schon immer erträumt hat. In dieser Gesellschaft gibt es kein Leid mehr, keine negativen Emotionen. Doch es gibt auch keine Realität mehr – alles ist animiert. Als Robin das erkennt, will sie die Menschen aufklären. Es entbricht ein Kampf gegen die bunte Scheinwelt und eine verzweifelte Suche nach ihrem kranken Sohn.

Die Animation erstreckt sich über einen Großteil des Films und führt den Zuschauer in eine atemberaubende Welt. Alles ist bunt, groß, bezaubernd, dunkel, schnell, verschnörkelt – alles ist möglich. Teilweise ist das einfach zu viel und wirkt wie ein verrückter Trip. Es gilt hier genau aufzupassen um auch als Zuschauer nicht den Faden zwischen Realität und Halluzination zu verlieren. Sonst fühlt man sich bald so verloren wie die Protagonistin. Die vielen Anspielungen auf berühmte Persönlichkeiten erleichtern einem das Verfolgen des Handlungsstranges nicht gerade. Es gibt dadurch zwar viel zu entdecken und wirkt in dem doch ernst angesetzten Film auch erfrischend, bedeutet aber auch viel Arbeit für das Publikum. In diesem Film will man schließlich nichts verpassen. Sonst könnte einem Michael Jackson als Kellner, Jesus mit Herzprint auf der Robe, Grace Jones als Krankenschwester oder Fiesling Eggman aus der Spielreihe Sonic entgehen. Ein bestimmtes Basiswissen der Medienbranche sollte vorhanden sein um den Film in all seinen Facetten erfassen zu können und die kritischen Hiebe zu verstehen. So setzt sich zum Beispiel die Filmfirma Miramount aus den real existierenden Produktionsfirmen Miramax und Paramount zusammen. Die namentliche Ähnlichkeit von Kongressredner Reeve Bobs zum verstorbenen Apple-Guru Steve Jobs ist ebenso wenig ein Zufall. Außerdem wäre da noch die braungebrannte Figur mit dem blendendweißen Lächeln und der Fliegerbrille, bei der man sich fragt – ist das Tom Cruise? Da wirkt der obligatorische Hinweis im Abspann auf reine Zufälligkeiten von Ähnlichkeiten der Filmfiguren mit realen Persönlichkeiten doch etwas ironisch. Hingegen finden sich kaum Gemeinsamkeiten zu Stanislaw Lems Roman „Der futurologische Kongress“, an dessen Inhalt sich eigentlich orientiert wurde.

So bunt und wild die Animationen wirken, haben sie einen entscheidenden Nachteil – es fehlt Robin Wright. Ihre Leistung zu Beginn des Films, als wir sie noch in realer Gestalt bewundern dürfen, ist unbedingt hervorzuheben. Ihre besondere Ausstrahlung hat den Film regelrecht aufgehellt. Sie weiß es, den Zuschauer für sich einzunehmen. Dabei vermag sie sogar die doppelte Schauspiel-Hürde zu nehmen – das Schauspielen zu schauspielern. Der emotionale Ausdruck in ihrer Mimik und Ausstrahlung fehlten ihrer animierten Version leider völlig. Dadurch beantwortet Folman jedoch seine selbstgestellte Frage – Sind Schauspieler durch digitale Kopien ersetzbar? Der Film oder besser Robin Wright liefert ein definitives „Nein“.

Wir haben hier einen Film, den man Erlebnis nennen könnte. Die Inhalte müssen mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt werden um alles zu erfassen und verstehen, doch sind sie nicht da um sofort verdaut zu werden. Die zentralen moralischen Fragen und Kritikpunkte an der Filmbranche, dem technischen Fortschritt und dem Verfall der Freiheit wirken noch lange nach. Der Zuschauer nimmt viel Diskussionsstoff aus dem Kinosaal mit. Am Ende dieser Zeichentrick-Matrix bleibt nur die Frage: Wofür würde man sich selbst entscheiden – eine angenehme, bunte Animationswelt oder die harte Realität mit der Freiheit zu eigenen Entscheidungen? Nimmt man die blaue oder die rote Pille?

Fazit:

Ari Folman ist mit „The Congress“ ein Werk gelungen, das in den Köpfen der Zuschauer bleibt. Es ist keine leichte Kost und sicher nicht für jedermanns Geschmack. Dafür wird der Film nicht wie seichte Unterhaltung sofort abgeschrieben. Wer sich gern einer filmischen Herausforderung stellen möchte, ist hier genau richtig, wer sich nur berieseln lassen will, sollte lieber zu Hause bleiben.

7 Couchpotatoes photo 07-couchpotatos.jpg

Ich vergebe 7/10 Couchpotatoes.

[atari]

Quelle Trailer: Pandora Film

Wir danken Pandora Film GmbH für die Zusammenarbeit.

Ist Kino zum Nachdenken etwas für euch?

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: The Congress

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